Zeit der Heilung

Ich habe mich verändert. Bin nicht mehr der Mensch, den ich vor zwei Jahren, aber auch vor einem Jahr mal war. Die letzten Monate war ich vordergründig damit beschäftigt, viel zu arbeiten, aber im Endeffekt wohl vor allem damit, mit mir selbst zu kämpfen Anfang Jahr war es mit der Arbeit zeitlich wirklich noch sehr intensiv, aber mit der Zeit konnte ich nicht mehr leugnen, dass noch mehr dahinter steckt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich morgens mal fit aufgestanden bin. Mittlerweile gelingt mir das nicht mal mehr an den Wochenenden. Und ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal morgens nach dem Aufstehen nicht schockiert war über meine tiefen Augenringe und verzweifelt über meine zermürbende Schlappheit. Als es mit der Arbeit leichter wurde, aber nicht in meinem Leben, da spürte ich, dass es an mir selbst liegt. Der Schlaf wurde immer schlimmer. In den schlimmsten Zeiten war es so, dass ich teilweise mehrmals in der Nacht fast aus dem Bett fiel, weil ich so unruhig schlief. Morgens bin ich jeweils zu müde, um mich richtig zurecht zu machen. Gleichzeitig weiss ich, dass man mir die Augenringe schon von weitem ansieht. Ich weiss, dass meine Freunde und Verwandten, aber auch meine Arbeitskollegen sich ihre Gedanken machen. Ich begann mit der Zeit, mich zu schämen für mein Aussehen und meine mangelnden Bemühungen, mich wenigstens „hübsch“ zu machen. Es gab äusserlich nicht mehr viel, das mir den Schlaf rauben konnte, das war mir klar. Dennoch ging es mir psychisch schlecht, ich hatte starke depressive Verstimmungen, verurteilte mich wegen jeder Kleinigkeit, fing wieder mit Fressattacken an und trank zu viel. Irgendetwas war da bitterbös im Argen, und irgendwie war niemand mehr da, dem ich so richtig die Schuld dafür geben konnte, ausser mir selbst. Zum Glück hatte ich dies schon geahnt und meldete mich bereits vergangenen Dezember wieder bei meinem Therapeuten für eine Intensivtherapie an. Diese sollte mir zeigen, wie siehr ich durch das Ignorieren meiner Gefühle und Bedürfnisse langsam aber sicher Raubbau an Körper und Seele betrieb. Und das sollte sich endlich ändern.

In den regelmässigen  Therapiesitzungen war und bin ich gefordert meine tiefsten Gefühle, den tiefsten Schmerz, die tiefste Trauer, Schritt für Schritt wahrzunehmen und wirklich zu spüren und mich damit auseinanderzusetzen. Das ist äusserst unangenehm, unglaublich schmerzvoll, noch viel schmerzvoller, als ich mir das je vorgestellt hatte. Und es kostet so viel Mut und noch viel mehr Überwindung. Diesen Schmerz zuzulassen und vor dem Therapeuten immer und immer wieder mit dieser alten Trauer zu konfrontieren, das ist schon sehr krass. Seelisch völlig nackt ihm Gegenüber auf diesem unbequemen Sessel zu sitzen und paketweise Taschentücher zu verbrauchen. Natürlich ahnte irgendeine innere Instanz von mir schon zu Beginn, dass diese ganze Tortur ihr Gutes hat und zum Heilungsprozess dazugehört. Am Anfang war ich manchmal jedoch verzweifelt, weil ich das Gefühl hatte, im Dunkeln zu tappen. Ich hatte zwar immer wieder ein paar Erkenntnisse, aber der grössere Erfolg liess auf sich warten und zeigte sich mir dann auch in einem anderen Kleid als ich mir das in meinen schönen Illusionen so zusammengeträumt hatte. Alles ging und geht Schritt für Schritt voran. Die Rückschläge und auch die Zeiten, in den ich das Gefühl habe, dass ich feststecke, die muss ich aushalten. Durch meine allgemeine Müdigkeit war ich in den schlimmsten Zeiten aber auch hier in einem Trott, der mir sogar irgendwie weiterhalf, weil ich gar keine Kraft hatte, etwas zu ändern.

In den einzelnen Sitzungen geht es immer wieder auf irgendeine Weise darum, dass ich im Alltag mich selbst und meine Gefühle sehr gut zu beobachten und meine Emotionen als Reaktion auf welche Erlebnisse auch immer, wahrnehmen muss. Das begann ich dann so gut es ging umzusetzen. Und anfangs hatte ich Erkenntnisse, die mich doch sehr überraschten. Viel Wut kam auf, in so gewaltiger Weise dass ich schon fast dachte, ich sei ein richtig schlechter Mensch. Bis dann diese Wutgefühle zu einem guten Teil wieder verschwanden, weil sie ihren Platz bekommen hatten und ich sie richtig einordnen konnte. Mit dieser Wut war so viel Trauer verbunden. Und wer denkt schon daran, dass man vielleicht eigentlich traurig ist, wenn man so unglaublich wütend ist. Die Wut wich dann mit der Zeit einer etwas neutraleren und direkteren Wahrnehmung. Ich hab gelernt zu unterscheiden, ob ich traurig bin oder enttäuscht, neidisch oder ängstlich. So muss ich heute viele Situationen nicht mehr so stark missinterpretierten und ich lernte, mehr Verständnis für mich selbst und meine früheren tiefen Verletzungen aufzubringen. Auch für meinen Anspruch, es immer perfekt machen zu wollen, niemanden zu verletzen und keine Fehler zu machen. Gleichzeitig weiss ich nun, dass es mir besser geht, wenn ich für mich selbst einstehe. Besser gesagt, dass kein Weg daran vorbei führt. Und einem Menschen wie mir, der nie gelernt hat, für seine Rechte und Bedürfnisse einzustehen, ist das Knochenarbeit. Schmerz, Tränen, Wut, Trauer, das sind die ständigen Begleiter auf diesem Weg.

Die letzte Sitzung war dann irgendwie anders, nicht mehr so schmerzvoll, so diffus, sondern auf eine seltsame Art klar. Ich erzählte dem Therapeuten, dass ich mein Leben einerseits noch nie so schlimm und hart wie jetzt empfunden habe, gleichzeitig aber auch noch nie so selbstbestimmt und in meinem Inneren wisse ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die alles entscheidende Erkenntnis jedoch ging noch tiefer: Ich sehe mein Leben jetzt wie es ist. All die Illusionen, in die ich all die Jahre und Jahrzehnte geflüchtet war, waren die vergangen Monate vor mir zerplatzt wie eine Seifenblase, einfach weg. Puff…Und der nackten Realität in die Augen zu schauen, das war und ist erst mal sehr schmerzhaft und noch viel trauriger. Aber gleichzeitig fühle ich mich wieder lebendiger, weil ich mich mehr und mehr traue, meine Gefühle zu spüren, anstatt sie mit Fressattacken, Alkohol, Träumereien und Schlaftabletten zu betäuben, so wie ich es so lange gemacht habe. Und die Tatsache, dass ich weiss, dass jetzt Heilung geschieht, gibt mir Hoffnung, dass es gut kommt, auch wenn ich jetzt vor allem die Trümmer sehe. Wenn ich schon so weit gekommen bin und noch lebe, warum soll ich jetzt aufgeben. An dieser Stelle muss ich wieder weinen. Ich werde noch oft weinen müssen, das gehört dazu. Es zeigt, dass ich mich öffne. Mir selbst gegenüber. Aber auch anderen kann ich mich mehr und mehr öffnen. Ich konnte nicht mal mehr Freude zeigen, weil ich damit Scham und Stolz verband. Aber auch darunter lagen – wie so oft – nur längst vergangene Verletzungen.

Es ist eine Zeit der Heilung. Es geschieht so viel in mir. Ich bin demütiger geworden dem Leben gegenüber. Das war und ist kein angenehmer Weg. Aber ich weiss, es ist richtig.

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Viele Emotionen und Neues aus der Therapie-Ecke III

Diese Woche spielte ich die ganze Emotions-Tonleiter rauf und runter. Am Montag war ich hochdeprimiert. Ich fühlte mich wertlos, dumm, unbrauchbar und wollte am liebsten sterben. Es ging vor allem um berufliche Aspekte. Ich fühlte mich fachlich meinen Assistenten unterlegen, ich war wirklich sehr tief unten und dieses böse schwarze Etwas  kam wieder wie aus dem Nichts hervor, ummantelte mich und drohte mich zu ersticken. Es ging immer noch um dieses blöde Mandat von letzter Woche und den (in hohem Masse eigentlich unberechtigten) Anschiss, den ich vom Mandatspartner einkassierte. Aufgrund des Anschisses, konnte ich nicht mehr klar denken und somit auch nicht klar argumentieren, was den Mandatspartner noch mehr verunsicherte und noch wütender machte. Danach schlief ich schlecht, konnte immer weniger klar denken und erledigte auch die übrige Arbeit schlechter. Ausserdem konnte ich mich gegenüber meinen Assistenten nicht mehr klar artikulieren. So fühlte ich mich noch schlechter und inkompetenter als sonst schon.  Am Montag tickte ich dann also aus und war ein Häufchen Elend. Mein Freund versuchte mich aufzubauen. Zuerst mit Worten und als das nichts half, massierte er meine Schultern und strich mir lange sanft über meine Haare, während wir irgendwas Unbedeutendes im TV guckten.

Danach schlief ich wie ein Engel und fühlte mich am nächsten Tag fit und munter. Die schlechten Gefühle waren wie weggeblasen. Auch die Angst vor der Therapie war kleiner geworden. Am Dienstagmorgen war der Termin und ich hatte am Montag noch richtig Panik gehabt. War dann alles eher unbegründet. Nur etwa zehn Minuten lang war es wieder so schlimm, es kam eine brenzlige Situation hoch, wo ich wieder dicht machte und der Therapeut wieder nicht an mich herankam. Aber es war wieder traurig und tröstlich zugleich. Ich merke, wie ich inzwischen mehr bei mir selbst bleibe und in jedem Moment so gut es geht versuche, für mich einzustehen und Dinge nicht zu machen/sagen, nur weil andere diese von mir (hören) wollen und sonst beleidigt sein könnten. Wie immer erkannte ich leider auch wieder, dass ich Jahre meines Lebens verloren hatte. Wieder stieg eine tiefe, grosse Trauer in mir hoch. Verpasste Zeit, verpasste Chancen, verlorene Lebenszeit, die nie wieder zurückkehrt. Dennoch fühlte ich mich danach einigermassen gut.

Ich war die ganze Woche über mit 2 Assistenten auf einem neuen Mandat. Eine mittelgrosse, weltweit tätige Firma, in der eine Angstkultur herrscht, wie ich es noch nie erlebt habe. Der Buchhalter und die Controllerin waren verstört und aggressiv gleichzeitig, sobald wir sie auf (unbedeutende) Fehler aufmerksam machten oder kritische Fragen stellten. Der IT-Verantwortliche verbot meinem Assistenten sogar mit scharfer Stimme, den IT-Lehrling etwas zu fragen. Er brüllte meinen Assistenten regelrecht an. Die CEO Frau ist ein Drache der schlimmsten Art. Die Zusammenarbeit mit dem Kunden war also anstrengend, aber gleichzeitig habe ich mich zusammen mit meinen Jungs köstlich über das Theater amüsiert. Es war erschreckend und lustig zugleich. Meine Theorie ist ja, dass in dieser Firma nur Leute arbeiten, die sich unbewusst schuldig fühlen und jemanden im Aussen brauchen, der sie niedermacht, damit sie ihr krankes Muster ausleben können.

Am Donnerstag waren  wir mit dem Mandat zumindest vor Ort zu Ende und wir konnten den Rest dann am Freitag im Büro machen. Der Donnerstag war dann echt die Krönung des skurrilen Schauspiels und für uns unglaublich anstrengend, so dass wir alle zwei Bier brauchten, um uns zu erholen. Nach den Bier mit den Jungs bekam ich eine Message von CurlyA: „Bier????“ Ich war in der Stimmung, also ging ich in die Stadt in eines unserer Stammlokale wo donnerstags immer viel los ist. Wir schwatzen intensiv und angeregt und irgendwann kam ein alter Bekannter aus dem Studium und gleichzeitig ehemaliger enger Freund von CurlyA mit einem Kumpel. Der Bekannte war frisch getrennt. Die Stimmung war ausgelassen. Ich quatschte mit seinem Kumpel, der sichtlich Freude an mir fand. Ich war angetrunken. Es stellte sich heraus, dass er im gleichen Quartier (für die Deutschen: Viertel) wohnt und er fragte mich, ob mir mal was trinken gehen. Ich sagte ja und hätte mich danach wieder schlagen können. Denn erstens habe ich einen Freund und zweitens war ich nicht interessiert. Ich konnte wieder mal meine Grenzen nicht setzen. Er sagte noch, wir könnten ja Nummern tauschen. Ich wieder: Ja. Wie bekloppt. Zum Glück schaffte ich es dann beim Abschied zumindest, mich aus der Affäre zu ziehen. Ich sagte tschüss, vielleicht sehen wir uns ja mal zufällig. Hier muss ich wirklich noch mehr an mir arbeiten.

Seit ein paar Tagen habe ich ein sehr starkes Gefühl, mich trennen zu wollen. Sex ist mir unmöglich. Es is wohl eine Reaktion meines Körpers auf meine Gefühle. Da ich emotional momentan so krasse Aufs und Abs habe, wäre eine schnelle Reaktion jetzt fehl am Platz. Ich muss warten, bis ich wieder klarer denken kann und nicht so krass von Emotionen gesteuert bin. Heute habe ich endlich wieder mal einen ganzen Morgen und Mittag im Bett für mich alleine und am Nachmittag gehe ich mit CurlyA wellnessen. Freue mich.

CurlyA wird übrigens die nächsten Wochen versuchen, schwanger zu werden und Mrs.B hat mit ihrem Freund eine sehr schwierige Zeit als Paar. Mehr dazu werde ich am Montag erfahren, ich habe sie jetzt „lange“ nicht mehr gesehen. Es ist und bleibt spannend in unseren Leben.

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Funke der Veränderung

Ich habe ja schon geschrieben, dass ich einen Umbruch spüre. Da war es noch viel diffuser. Und wahrscheinlich bedeckt von sehr vielen Ängsten. Auch jetzt habe ich noch keinen Plan, was auf mich zukommt oder wie ich das anpacken soll. Aber ich spüre inzwischen auch den Willen zu verändern und nicht mehr nur den Zwang, ich spüre einen ganz kleinen Funken, der viel Kraft und Mut in sich trägt, um einen neuen Weg zu gehen. Das mit dem Zwang wäre dann wieder das Passivitätsthema, das in meiner Therapie so stark aufkommt und dem ich mit Eigeninitiative entgegentreten muss.

Ja, die Therapie…Ich hatte letzte Woche nach der Therapie einen wirklich tollen Abend mit CurlyA. Er war zwar etwas zu stark von Alkohol getränkt, aber sehr aufschlussreich. Wir gingen fein essen und danach noch in Bars bis um 3 Uhr morgens, wo ich viel mit halb- oder unbekannten Leuten quatschte. Es war tiefgründig, lustig und aufregend zugleich. Nach langem fühlte ich mich wieder mal richtig frei und energiegeladen. Ich kann mich noch an einen Moment erinnern, das war vielleicht so um 1 Uhr in der letzten Bar. Da fühlte es sich so an, also ob mein Leben zuflüsterte: Ja, Frannie, so sollst du dich fühlen, so ist es gut. Diese Power, das bist du! Mach weiter so, suche mehr solche Momente.

CurlyA sagte mir dann auch ihre ehrliche Meinung zu meinen Freund. Ich wusste es eigentlich, aber es stand immer zwischen uns, weil wir uns diesbezüglich nie ausgesprochen hatten. Diese Ehrlichkeit zwischen uns und auch diejenige mir selbst gegenüber erleichterte mich ungemein. CurlyA’s Art, ihre Meinung kund zu tun, ist zwar oft nicht sehr angemessen, aber im Endeffekt zählten an diesem Abend die Facts.

Zurück zum Umbruch: Ich habe langsam sogar den Mut, mir eine Kündigung zu überlegen. Das hatte ich schon vorher, aber da war es eine Kündigung ins Blaue. Jetzt traue ich mich sogar, eine Bewerbung um einen neuen Job ins Auge zu fassen, auch wenn ich noch sehr Angst vor dem Bewerbungsprozess habe. Das ist ein riesiger Unterschied. Das eine ist passiv, das andere aktiv. Und da wäre noch meine Beziehung, die kurz vor dem Auslöschen ist, jedenfalls für mich. Nicht schön, wenn alles zusammen kommt. Man soll ja nicht alles gleichzeitig verändern. Aber ich kann ja nicht an dem einen festhalten, nur weil das andere nicht mehr stabil ist.

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Deftige Woche

Boah, die Woche hatte es wieder mal voll in sich. Ein neues Mandat, dass ich leitete, zudem war es eines, auf das ich mich nicht vorbereiten konnte, da es mir sehr kurzfrisitg aufgrund eines personellen Abgangs zugeteilt wurde. Ausserdem war es eine Konsolidierung, davon habe ich leider absolut keinen Plan, da keine Erfahrung. Obendrauf kommt noch, dass der CFO Franzose ist und die Buchhalterin eine Zicke, die selber nicht gross überlegt, was sie den lieben Tag lang so bucht. Kurzum, ich hatte das Wasser halshoch. Zum Glück wurde ich gut unterstützt. Die Kollegin, die letztes Jahr die Konsobuchungen geprüft hatte, war teil von meinem Prüfteam. Zudem kam der ehemalige Mandatsleiter, der eigentlich nicht mehr bei uns arbeitet, die Woche extra bei uns mithelfen. Und der Assistent ist ein Topshot. Also alles eigentlich nicht mehr so schlimm. Wäre da nicht das SAP Sytem des Kunden, das falsch programmiert war und die Fremdwährungskurse falsch umrechnete, was dazu führte, dass die Zahlen um eine „halbe Kiste“ nicht stimmten. Die zickige Buchhalterin hatte zwei Möglichkeiten, wie sie reagieren konnte: 1. Ah, ja, stimmt, liebe Revisioren, das ist falsch. Können wir zusammen schauen, wie wir das jetzt und in Zukunft besser machen können? 2. Nein, ich habe es richtig gemacht, ihr checkt es einfach nicht, und sowieso leztes Jahr war es auch schon so und da hat es euch nen Scheiss interessiert (Offstimme: Ja, das war, weil dort der Franken noch stabiler war). Oh Wunder, sie wählte Nummer zwei und das erschwerte jede Art von Zusammenarbeit. Niemand wusste so richtig, wo der Fehler war und so steckten sie tagelang die Köpfe zusammen und hatten keine Zeit mehr, uns all die anderen Fragen noch zu beantworten.

Resultat: Arbeiten bis 21 Uhr, 23 Uhr usw. Dabei hätte doch alles besser kommen sollen.

Ah ja, und dazwischen ging noch was sehr erfreuliches und etws sehr deftiges:

Deftig (Dienstag): Ich hatte wieder Sitzung beim Psychiater. Das letzte mal war es ja voll der Horror. Ich hatte diese Qual noch in den Knochen. Gleichzeitig war ich total überzeugt, dass ich wusste, wie ich ihm ein Schnippchen schlagen und somit vermeiden konnte, dass er mich wieder in die Ecke drängte. Rückblickend zur letzten Sitzung dachte ich, es hätte nur daran gelegen, dass ich nicht gleich von selber erzählte, was denn so Sache ist bei mir. So nahm ich mir vor, gleich zu reden zu beginnen, sobald ich auf dem Sessel Platz nehmen würde. Am Dienstag Morgen war es soweit. Mir war zwar mulmig zumute, aber ich nahm da also Platz und begann zu reden. Ich weiss nicht mehr was, aber ich glaube, ich erzählte was davon, was mich aktuell belastet, das sollte ja schliesslich zeigen, dass ich mich öffne. Nix da. Er ignorierte meine Worte und stellte stattdessen fest: „Sie sind angespannt. Woher kommt das? Was haben Sie für Gefühle gegenüber mir?“. Fuck. Ich steckte wieder knietief in der Scheisse. Und zwar richtig. Ich kann es nicht im Detail erklären, aber die nächste halbe bis Dreiviertelstunde war eine absolute Qual. Dieser Typ versteht es, die Probleme seiner Patienten in der kleinen (geschützten) Welt des Therapieraums so auf die Spitze zu treiben, dass die ganze Problematik xfach potenziert auf den Patienten zurückwirkt. Er selber stellt sich quasi als „böse Aussenwelt“ zur Verfügung. Das ist fast ein bisschen Psycho und das hält sicher nicht jeder aus. Man muss Grenzen überschreiten, deren man sich vorher gar nicht bewusst war. Ich hatte, trotz des ganzen Horrors immer wieder Erkenntnisschübe und dachte: „Ja, Fuck, genau so ist mein Leben. Genau so verhalte ich mich im Alltag, verhielt ich mich all die Jahre, seit meiner Kindheit und genau deswegen geriet ich auf die schiefe Bahn.“ Und dann kamen wieder Tränen. Wobei mein Therapeut ja sehr gut zwischen weinerlichen passiven, „die nützen Ihnen überhaupt nichts“-Tränen und zwischen richtigen „Tiefe-Trauer-Tränen“ unterscheiden kann. Als ich also irgendwann meine Grenzen überwinden konnte, kamen nach den „weinerliche passive Frau“ Tränen endlich die Trauertränen und da war er plötzlich sehr und verständnisvoll. Wie gesagt es war wirklich sehr psycho und ich wusste ein paar mal nicht, wo oben und unten war. In der totalen Überforderung klinkte ich mich dann auch mal aus und hatte keinen Plan mehr, worüber wir eigentlich redeten. Das ging selbstverständlich nicht unbemerkt an ihm vorbei. Unfair sei das, weil ich ihn als Gesprächspartner nich informiert hätte, dass ich nicht mehr wusste worum es ging. Da ich ja weiss, dass das alles nur Techniken sind von ihm, findet ein Teil von mir das immer super. Der andere Teil leidet. Aber im Endeffekt mache ich Quantensprünge. Diese letzte Sitzung hatte mich echt verwandelt und etwas in Gang gebracht. Es war deftig und ich kam an meine Grenzen, ging sogar darüber hinaus. Und ich weiss, es ist noch nicht vorbei, das war sogar nur der Anfang. Aber ich will weiter wachsen und bleibe dran. Dieser Typ ist genial. Ich bin so dankbar.

Erfreulich (Mittwochabend): Mrs.B, welche ihren Job gekündigt hat, ist seit diesem Entscheid in Feierlaune. Sie fragte mich an für eine gemütliches Fondue Chinoise im Tierpark-Restaurant, das eher abgelegen liegt. Obwohl ich wusste, dass die Woche deftig werden würde, sagte ich zu. Ich wusste, dass es mir gut tun würde. Das Restaurant ist im Retro Stil gebaut und eingerichtet, es ist als sässe man in einem Restaurant der Serie Mad Men. Wir waren mehr oder weniger die einzigen Gäste. Das Restaurant ist gross, aber läuft vor allem am Wochenende. Es war also ein wenig schräg, denn es war extrem ruhig und wir hatten die ganze Aufmerksamkeit des Personals. Der Kellner hatte den Narren an uns gefressen. Er schöpfte uns nonstop Pommes und Fleisch, schenkte immer wieder Wein ein, ohne dass wir welchen bestellten, brachte uns unbestelltes Dessert mit unbestelltem zusätzlichem Wein und unbestellten Kaffe und nahm am Ende nicht mal unser Trinkgeld an. Wir sassen an der Fensterfront und blickten auf die immer noch mit einer Art goldgelben Weihnachtsbeleuchtung geschmückten Bäume. Wir assen und tranken stundenlang und es war einfach urgemütlich. Dass ich vor lauter überfressen (die Pommes waren der Oberhammer) nicht schlafen konnte, war mir irgenwie Wurscht. Es war einfach nur wunderschön.

 

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Umbruch

Vielleicht aufgrund der Tatsache, dass ich mich für den Job nicht mehr aufgeben will, vielleicht, weil ich jetzt 35 bin, vielleicht, weil ich mich seit ein paar Monaten psychisch wieder stabiler fühle, vielleicht, weil ich finde, das muss beziehungstechnisch im Leben noch mehr möglich sein, vielleicht, weil ich mich entwickelt habe…warum auch immer, aber ich weiss, dass er kommt, der Stein. Ich spüre ihn, ich höre ihn, ich ahne ihn, den rollenden Stein, der langsam aber sicher auf mich zukommt und mich und mein bisheriges Leben mitreissen wird. Besser, ich versuche mich möglichst nicht zu wehren. Denn er ist nicht mein Feind. Aber er wird nehmen, was ausgedient hat. In meinem Leben, in meinem Gedankengut.

Ich werde nervös, es brodelt. Ich bin 35 und lebe hier mein Leben, das ich mir irgendwie anders vogestellt habe. Ich bin nicht glücklich. Ich kämpfe jeden Tag gegen etwas an, und ebendieser Kampf muss aufhören, ich weiss nur noch nicht wie. Ich sehne mich nach Veränderung. Aber es soll keine Veränderung nur um der Veränderung willen sein. Ich spüre, dass ich Veränderung brauche, um mich wieder lebendiger zu fühen. Lange war ich in meinem Job am richtigen Ort. Er forderte mich heraus und gab mir gleichzeitig endlich, nach 30 Lebensjahren, eine Stabilität. Doch die habe ich jetzt. Und der Job wird zur lästigen Routine. Ich werde unzufrieden.

Meine Wohnung. Ich liebe sie. Seit 5 Jahren wohne ich hier. Die esten 3 Jahre war ich fast ein wenig in sie verliebt. Ich wachte morgens auf uns konnte es kaum fassen. Nie hätte ich gedacht, dass ICH mal das Glück habe, so eine tolle Wohnung zu finden. Das gab mir viel Selbstbewusstsein. Und die Wohnung ist wirklich wunderschön. Das tut meiner Seele gut, meine Seele, die es liebt, ein schönes, ruhiges, klares Umfeld zu haben. Ich liebe sie immer noch, meine Wohnung. Aber vielleicht werde ich bald auch mal von ihr Abschied nehmen müssen. Es kann nicht alles immer gleich bleiben, nur weil man Angst hat, dass nichts besseres mehr kommt.

Mein Freund. Ich bin gerne mit ihm zusammen. Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, dann weiss ich, dass ich den Mut haben sollte, nach dem zu streben, was mich wirklich glücklich macht. Auch wenn das mit dem Risiko verbunden ist, alleine zu bleiben. Ich merke, wie die Beziehung mich hindert, weiter zu gehen. Gleichzeitig gibt sie mir viel Nähe, Liebe und Trost. Wir werden sehen, wohin es führt, der rollende Stein hat schon eine Vorahnung.

Sicher ist, viele wichtige Pfeiler in meinem Leben wie Job, Wohnung, Beziehung, werden sich bald verändern. In welche Richtung ist noch nicht absehbar. Ich habe etwas Bammel, aber ich weiss, dass ich mich dem Wandel fügen muss.

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Neues aus der Therapie-Ecke II

Ich war letzte Woche beim Therapeuten. Genauer gesagt, war dies der Start in die intensive Therapierunde, welche in den nächsten Wochen stattfinden wird. Es war verdammt tough. Der Therapeut selber ist eine Koriphäe auf seinem Gebiet und mag es nicht, wenn er mit Leuten zusammenarbeiten soll, die gar nicht so richtig wollen. So therapiert er z.B. keine Patienten, die regelmässig kiffen. Da kratzt man kurz an der Oberfläche und dann schweifen sie wieder ab und vergraben sich hinter ihrer dicken Schutzschicht.

Ich kiffe ja nicht, und ich WILL mitmachen, aber er fordert so viel und so bedingungslos. Daher war der Anfang ziemlich harzig. Bis ich dann den Dreh raus hatte, mich endlich öffnete und mich auf die Suche nach meinen blinden Flecken begab. Was soll ich sagen. Es waren knapp 2 Stunden Hardcore Therapie mit sicher einer Stunde heulen, aber auch sehr viele Erkenntnissen. Das Wichtigste war, dass ich erkannte, dass ich mich oft für bestimmte Dinge niedermache, welche aus Situationen entstehen, in denen jemand anderes versucht, seine Schwäche auf mich zu projizieren. Konkretes Beispiel: ich erzählte ihm, dass mich ein Assistent oft total unangekündigt beim konzentrierten Arbeiten stört mit einer Aussage wie: „duhu… dies und das muss ich dann schon icht machen oder? das ist ja total unnötig!?“. Er sagt es aus dem Nichts heraus. Ich weiss nicht, worum es geht, habe ja seine vorausgehenden Gedankgengänge nicht mitbekommen. Zudem stellt er eine Suggestivfrage und begründet nicht mal. Das einzige was bei mir abgeht in dem Moment ist, dass ich mich dafür verurteile, dass ich seine Frage nicht beantworten kann. Ich fühle mich schlecht und unfähig, weil  ihm nicht sofort sagen kann, wie der Sachverhalt ist und was er zu tun hat. Einmal mehr habe ich dann – aus meiner Warte aus gesehen – versagt. Durch das Gespräch mit dem Therapeuten konnte ich das Ganze in seine Teile zerlegen. Was ging ab? Er riss mich aus meiner Konzentration, stellte mir eine unprofessionell formulierte Frage, weil 1. ohne Einleitung wie „frannie, störe ich dich, oder kann ich dich kurz was fragen zum Thema xy“, 2. suggestiv (was frech und unfair ist) und 3. ohne plausible und nachvollziehbare Begründung, warum er dies und jenes seiner Meinung nach nicht tun muss. Mein Therapeut liess mich dann meine Gefühle gegenüber meinem Mitarbeiter wahrnehmen. Was fühlte ich genau? Zuerst sagte ich, ich fühle mich minderwertig. Aber das akzeptierte er nicht als ganze Wahrheit. Was war da noch? Ahhh, spannend. WUT! Dieser Typ machte mich wütend. Stinkewütend. Was möchten Sie am liebsten mit ihm machen? Verhauen! So musste ich ihn in Gedanken verhauen, bis er am Boden lag und seine imaginäre Reaktion abwarten. Am Ende kam heraus, dass dahinter sich auch mein früherer Vater verbarg, der nämlich ganz ähnlich so plötzlich mit irgendwas überforderte oder unangekündigt etwas unangemessenes von mir forderte (also mein heutiger Vater, so wie er halt früher war: kein sehr netter und geduldiger Vater). Tränen flossen. Eine unglauliche Trauer kam hervor. Am Ende, als er „tot“ war, musste ich ihn verbrennen. Und, was fühlen Sie? Er tat mir leid. Sehr leid. Einerseits tat mir mein Mitarbeiter leid, weil ich seine eigene Angst und Unsicherheit spürte. Zum anderen tat mir mein Vater leid, weil er in seiner aggressiven Art so verloren wirkte. Noch mehr Tränen. Das ist gut, meinte er, den  dass er Ihnen leid tut, ist ein Zeichen Ihrer Liebe. Und bedenken Sie, es ist ja nicht mehr der heutige Vater. So war er früher. Und Sie können nun erkennen, dass es vorbei ist, und Sie sich nun wehren können. Und so ging das weiter. Und es gab mir so viel Trost. Weil ich weiss, dass ich nun Schritt für Schritt solchen Mustern auf den Grund gehen und sie lösen kann. So, dass ich freier und unabhängiger werde. So kann ich lernen, dass ich mich nicht runtermachen muss, nur weil ich eine Frage nicht beantworten. Dass ich stattdessen lernen kann hinzuschauen, was da gerade abgeht. Dass ich das nächste mal selbstbewusst fordern kann, dass der Arbeitskolle mich höflich fragt, seine Frage klar stellt und begründet und mir genug Zeit gibt, seinen Gedankengängen zu folgen. So spiele ich den Ball zurück und lasse mich nicht überrumpeln. Und so lerne ich, mich nicht weiterhin in den kranken Mustern von früher zu bewegen, die mich am Glücklichsein hindern.

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Überarbeitet

Auf der Arbeit war wieder sehr streng die letzten 3 Wochen. Konkret: ich habe die letzten 2 Wochenenden durchgearbeitet und die letzen 3 Wochen jeden Abend lange gearbeitet, ein paar mal bis nach 23 Uhr. Die Arbeitslast selber wäre nicht mal sooo das Problem. Aber wenn man keinen einzigen Tag frei hat und dann ständig einen grossen Zeitdruck verspürt, dann wirds ungemütlich. Ich kann abends auch nicht schnell abschalten. Brauche dann bis zu 3 Stunden, um zu schlafen. Wenn ich spät Feierabend mache und früh wieder aus den Federn muss, dann spüre ich das sehr schnell. Gestern konnte ich dann nicht mehr. Ich war beim Kunden und konnte tagsüber kaum klar denken. In meinem Körper „rauschte“ es. Ich hatte ein grosses Schlafmanko. Gegen 17.30 Uhr sagte ich zu meinem Arbeitskollen, dass ich nicht  mehr weiterarbeiten könne und schickte auch ihn nach Hause. Ich fühlte mich leer und hatte Angst, zu Hause nicht runter zu kommen. So traf ich mich mit CurlyA auf schlussendlich 3 kleine Bier. Als ich nach Hause kam, traf ich per Zufall auf meinen Freund. Ich war sturzbetrunken (ja, wenn man so fertig ist, verträgt man nicht viel), kicherte doof herum. Muss ein wahnsinnig peinlicher Anblick gewesen sein. Ich wimmelte ihn ab, setzte mich vor den TV und döste dann bis 7.30 heute früh. Obwohl ich einen leichten Kater hatte, fühlte ich mich endlich wieder mal einigermassen fit.

Ab nächster Woche arbeite ich auf dem Papier 80%. Mal schauen, wie realisitsch dies ist. Ich merke auf jeden Fall, wie ich nicht mehr bereit bin, so viel und lange zu arbeiten. Das Leben ist mir zu schade dafür. Heute und morgen bin ich alleine im Büro, um meine Pendenzen abzuarbeiten. Die anderen meiner Abteilung sind alle bei Kunden und stressen sich weiterhin ab. Es scheint niemanden gross zu stören.

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